Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Würzburg

Andreas KlaegerLupe
Andreas Klaeger
Mehr Investitionen in Bildung erforderlich

Guten Zuspruch fand der traditionelle Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Würzburg Anfang Januar im Großen Saal der Handwerkskammer-Hauptverwaltung, erstmals unter der Leitung des neuen Kreishandwerksmeisters Horst Schömig (rechts im Bild). Im Mittelpunkt stand dabei der Vortrag von Eugen Hain, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Würzburg (links im Bild), unter dem Thema „Arbeitsmarkt (-politik) – Wohin geht die Reise?“

In seiner Begrüßung fand Kreishandwerksmeister Schömig launige Worte zur aktuellen Politik. So schloss er scharfsinnig, dass Begriffe, die nicht im Duden stehen, auch nicht existieren können. So sei das Wort „Bürokratieabbau“ dort nicht verzeichnet, also könne es diesen auch nicht geben. Den Plänen der Bundesregierung, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, erteilte er eine deutliche Absage, denn „die Steuern gehören gesenkt und die Bürger sollen wieder mehr einkaufen, damit die Betriebe leben können,“ schloss Schömig kurz und bündig.

Als Vertreter des Hauptsponsors für den Neujahrsempfang sprach Ernst Lichtner, Vertriebsvorstand der INTER Versicherungen, ein kurzes Grußwort. Er forderte den Abbau all der Hindernisse, die die wirtschaftliche Entwicklung hemmten. Das Problem sei, dass zwar durchaus entrümpelt werde, aber meistens noch mehr Neues an Gesetzen und Verordnungen hinzukomme. Insgesamt, so Lichtner, darf nicht mehr der Staat alles regeln, sondern die Eigenverantwortung des Einzelnen muss gestärkt werden.

In seinem knapp einstündigen Vortrag wagte Hauptredner Eugen Hain eine Analyse des Wirtschafts- und Arbeitsmarktstandortes Deutschland. Trotz positiver Zeichen am Konjunkturhimmel gebe es nur wenig positive Signale am Arbeitsmarkt. Zum besseren Verständnis der Probleme, die die Berliner Koalition zu bewältigen habe, erläuterte er die regionalen Unterschiede, denn „es gibt nicht den einen Arbeitsmarkt“. Zum Jahreswechsel hatte Deutschland 4,6 Millionen Arbeitslose. Die Quote betrug 11,1 %, im Westen der Republik nur 9,5 %, im Osten aber 17,3 %. Mit nur 7,3 % stehe Bayern nochmals günstiger da, Unterfranken (7,0 %) wiederum besser als Bayern gesamt, und in Würzburg herrsche mit 6,8 % beinahe „heile Welt“. Sorgen bereite ihm jedoch die noch für 2006 angekündigte Freisetzung von etwa 725 Zivilbeschäftigten der amerikanischen Streitkräfte im Arbeitsamtsbezirk Würzburg wegen des angekündigten Truppenabzugs. 

Wachstum ohne mehr Arbeitsplätze

Deutschland, wie auch andere Staaten im Westen Europas, könnten sich der Öffnung der Märkte für Kapital, Güter und Arbeit nicht entziehen, fuhr Eugen Hain fort. Untersuchungen zufolge werde es, selbst wenn der Aufschwung nachhaltig sein sollte, nur wenig Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Erstmals werde es „Wachstum ohne neue Jobs“ geben. Wir haben nur dann eine Chance, so der Arbeitsmarktexperte weiter, „wenn wir soviel besser sind wie wir teurer sind.“ Die Konsequenz daraus: Massenproduktion kann hier nicht mehr stattfinden, nur noch Hochtechnologie und Hochleistung haben in Deutschland Zukunft. Das gilt für den gesamten Mittelstand und auch für das Handwerk. In der Qualifikation der Unternehmer und ihrer Mitarbeiter liegt der Schlüssel für den künftigen Arbeitsmarkt.

Doch auch auf andere Einflüsse werden wir uns einstellen müssen, so der Arbeitsagentur–Chef: So ist wegen unserer Bevölkerungsentwicklung ab etwa dem Jahr 2010 mit zunehmendem Fachkräftemangel zu rechnen. Um diesen abzufedern, muss die bereits in der Schule einsetzende Bestenauslese der Förderung der breiten Masse und vor allem der weniger Leistungsfähigen weichen. Eine gute Schulausbildung ist heute wichtiger denn je. Als Schlüsselqualifikationen werden vermehrt gefordert: soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Kreativität, geistige Flexibilität, räumliche Mobilität, Sprachkenntnisse („auch  Deutsch“), die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und auch, in die eigene Qualifizierung zu investieren. Der Abschied von der Vollkasko–Mentalität ist längst überfallig, denn es gibt nicht mehr „den Beruf des Lebens“. Einzig beständig dagegen bleibt der Wandel.

Doch was kann hier die Politik tun?, fragt Eugen Hain rhetorisch. Sie kann keinesfalls die Massenarbeitslosigkeit beseitigen. Arbeitsplätze schafft nicht die Politik, sondern die Wirtschaft. Wir sollten auch mal über die Grenzen in unsere Nachbarländer blicken, die viele unserer Probleme erfolgreich bewältigt hätten. Nötig sei in jedem Fall ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen, keine Einzelmaßnahmen wie bisher. Ein enormes Spannungsfeld ergibt sich aus der Mischfinanzierung unseres Arbeitsmarktes und der Sozialleistungen teils aus Steuern, teils aus Abgaben.

Die Tatsache, dass jeder Zehnte ohne Schulabschluss und jeder Achte ohne Berufsabschluss bleibt, zeigt, dass wir mehr Investitionen in Bildung brauchen. Hain benannte, was das Handwerk seit langem fordert: Wir brauchen mehr qualifizierte und fundierte Existenzgründungen, die Lohnzusatzkosten müssen runter, die Schattenwirtschaft muss dringend bekämpft werden und aus Gründen der Gerechtigkeit sollten staatliche Aufgaben nicht mehr über den Faktor Arbeit finanziert werden. Hain apellierte an die anwesenden Innungsvertreter: Auch wenn viele Betriebe des Handwerks weiterhin enorme Probleme hätten: „Das Handwerk hat ausgezeichnete Zukunftschancen. Halten Sie durch! Vertrauen Sie darauf, dass sich Qualität langfristig durchsetzen wird.“

online seit 26. Jan 2006, aktualisiert am 26. Jan 2006

Seite empfehlen

Um diese Seite jemandem weiter zu empfehlen, füllen Sie bitte dieses Formular aus:

 
 

* Pflichtfeld