Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit im Handwerk. Passgenaue Besetzung, Willkommenslotsen.
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Der 17-jährige Ehsan aus Afghanistan absolviert seit 1. September 2017 die Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik bei Elektro Zink in Gerolzhofen.

Willkommenslotsen: Neue Heimat Handwerk

„Hopp so mach‘ mers!“ – als Bernd Ludwar diesen urfränkischen Satz in den Raum wirft, ist Jamil Alyassein kurz verwundert, dann lacht er. Es ist ein ehrliches Lachen, das von Herzen kommt. Seit September 2017 gehört der 35-Jährige zum Team von Ludwar Elektrobau in Gerolzhofen. „Jamil bringt alle nötigen Qualifikationen mit, er ist die richtige Fachkraft für diesen Job“, bestätigt sein Chef Bernd Ludwar. Zusammengefunden haben der Familienvater, der vor zwei Jahren aus seiner Heimat Syrien fliehen musste, und der Elektrobetrieb durch die Unterstützung von Erna Kleinhenz. Sie ist eine von insgesamt vier Willkommenslotsen der Handwerkskammer für Unterfranken und berät Handwerksbetriebe, die Flüchtlinge ausbilden oder beschäftigen wollen. „Jamil hat in Syrien ein Elektrotechnikstudium absolviert und Berufserfahrung im Bereich Energieversorgung gesammelt. Seine Fachkompetenz und das Tätigkeitsspektrum der Firma Ludwar passen perfekt zusammen“, erklärt sie.

Passgenaue Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit im Handwerk. Willkommenslotsen.
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Jamil Alyassein in der Werkstatt von Ludwar Elektrobau.

Berufliche Integration in Ausbildung

Ortswechsel: In der Werkstatt der Firma Elektro Zink im Osten von Gerolzhofen holt der 17-Jährige Ehsan seinen Werkzeugkoffer aus der Ecke. Sichtlich stolz öffnet er ihn und zeigt die vielen Werkzeuge darin. Noch kenne er nicht alle Namen, muss er zugeben, aber er sei dabei sie alle zu lernen. Ehsan absolviert seit September 2017 die Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. „Er ist hoch motiviert, will lernen und geht offen auf die Kunden zu“, sagt sein Chef Hubert Zink über die erste Zeit mit seinem neuen Lehrling. Auch hier steht die Willkommenslotsin Erna Kleinhenz dem Betrieb und dem Flüchtling beratend zur Seite.

Willkommenslotsen: Breites Netzwerk, individuelle Unterstützung

„Als Willkommenslotsen haben wir ein breites Netzwerk und können deshalb in jedem Fall individuell unterstützen“, betont Erna Kleinhenz. Was das heißt, wird an vielen Punkten der beiden Geschichten aus Gerolzhofen deutlich. Jamil Alyassein etwa brachte zwar die Qualifikation mit. Um in Deutschland als Elektroniker arbeiten zu dürfen, musste der Syrer aber noch das berufliche Anerkennungsverfahren durchlaufen, wobei die Expertin Unterstützung leistete. Azubi Ehsan wird in Kürze zum ersten Mal die überbetriebliche Ausbildung im etwa 50 Kilometer entfernten Würzburg besuchen, weshalb Erna Kleinhenz Kontakt zu einem Wohnheim vermittelt, in dem er übernachten könnte. Um den 17-Jährigen in der Berufsschule zu unterstützen empfiehlt sie zudem ausbildungsbegleitende Hilfen oder das Programm „Assistierte Ausbildung“.

Integration von Flüchtlingen: Hohes Engagement der Handwerksbetriebe

Ludwar Elektrobau und Elektro Zink stehen stellvertretend für viele unterfränkische Handwerksbetriebe, die sich in der beruflichen Integration von Flüchtlingen engagieren. Beide Unternehmen benötigen Fachkräfte und öffnen sich deshalb der neuen Zielgruppe. „Die Integration von Flüchtlingen ist vor allem auch eine gesellschaftliche Aufgabe“, ist Ludwig Faulhaber, Prokurist bei Ludwar Elektrobau, überzeugt. Bürokratische Hürden, viel Papierkram, das sei gar nicht wirklich das Problem, erzählt zudem Elektromeister Hubert Zink. Sein Lehrling hat in Deutschland nur einen so genannten subsidiären Schutz. Er könnte, sobald er volljährig wird, abgeschoben werden. „Dabei ist Ehsan bestens integriert, spricht gut Deutsch und auch die Ausbildung läuft gut“, sagt der Elektromeister und bekräftigt, dass der Betrieb alles tun werde, was möglich ist, damit Ehsan seine Ausbildung beenden kann. Ehsan ist anzusehen, dass ihm die ungewisse Zukunft zu schaffen macht. Er möchte in Deutschland bleiben und Elektroniker werden. „Ich kann mir vorstellen, den Meister zu machen“, sagt der 17-Jährige und schon ist wieder zu spüren, wie stolz ihn seine Ausbildung macht. Und Jamil Alyassein? Er hat hier eine neue Heimat gefunden und möchte ebenfalls bleiben. „Es ist wie in einer großen Familie und ich bin Teil davon“, sagt er über seinen Arbeitgeber Ludwar Elektrobau. Dann lacht er wieder.

Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit im Handwerk. Passgenaue Besetzung, Willkommenslotsen.
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Willkommenslotsin Erna Kleinhenz (rechts) unterstützt Neu-Azubi Ehsan und seinen Chef Hubert Zink auch nach Beginn der Ausbildung in verschiedensten Fragen.

Passgenauer Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit, Willkommenslotsen im Handwerk.
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Eine neue Familie, wie er sagt, hat Jamil Alyassein (Mitte) bei Ludwar Elektrobau gefunden: (v. l.) Prokurist Ludwig Faulhaber, Meister Manuel Ramackers, Willkommenslotsin Erna Kleinhenz und Geschäftsführer Bernd Ludwar unterstützen den 35-Jährigen.

Willkommenslotsen - Kennzahlen 2017

Von den bundesweit rund 150 Willkommenslotsen ist rund ein Drittel für die Handwerksorganisation im Einsatz. Im ersten Halbjahr 2017 haben sie bundesweit 1.348 Handwerksbetriebe individuell beraten und 1.932 Flüchtlinge in Hospitation, Praktikum, Einstiegsqualifizierungen, Ausbildung und Arbeit vermittelt. Die insgesamt vier Willkommenslotsen der Handwerkskammer für Unterfranken konnten in diesem Zeitraum 190 Flüchtlinge vermitteln und haben 289 unterfränkische Handwerksbetriebe beraten.

 Die Willkommenslotsen werden aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages über das Programm „Passgenaue Besetzung“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.